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Hatten Sie nicht auch schon mal die Idee etwas für das Fernsehen zu schreiben?  Mir kam es verschiedentlich in den Sinn und dann fing der Ärger an...

Lesen Sie wie es einem Drehbuchschreiber bereits während der ersten Angebotsphase geht und staunen Sie nur noch. 

 
 

Originell soll es sein

 
Als ich an jenem zauberhaften Spätsommertag durch Düsseldorfs Altstadt wanderte, das herrliche Farbenspiel der untergehenden Sonne betrachtete, wie es sich an den malerischen Hauswänden brach, wurde es mir schlagartig klar. Eine Serie über die Altstadt fehlt in der deutschen Fernsehlandschaft.
 
Am gleichen Tag setzte ich mich an meinen Computer und entwarf die ersten Ideen. Nur wenige Tage später war es bereits im Reifestadium und ein Exposé, nebst Storyline und drei Anekdoten, waren fertig erstellt. Der Clou dabei, es sollte keine Prost- und Halligalli Kneipenoper werden, sondern alle Bereiche gehörten da rein. Und ich meine ALLE!
 
Da ist zuerst die Hausbrauerei Hermes mit ihrem Götter-Alt. Vater Hermes bekommt einen Schlaganfall und seine Tochter Tina, bisher als Bankfachwirtin tätig, nimmt unbezahlten Urlaub und springt ein. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Konkurrenzkampf durch die Großbrauereien, bergen ein unendliches Entwicklungspotenzial dramatischer Ereignisse. Die modernen Erscheinungen des allseits gefürchteten Outsourcings sind natürlich auch enthalten. Dann als Kontrast, das sorglos fröhliche Leben der Gäste, die Originale der Altstadt, aber auch der kleine Laden von Oma Krause kommt hier nicht zu kurz.
 
Leben pur.
 
All die vielen unterschiedlichen Menschen, ihre schrulligen bis liebenswerten Eigenschaften, die Verschmelzung von Wunsch, Realität, Tagträumen und vorstellbaren Begebenheiten machen diese Serie so interessant.
Natürlich in bildlich reizvolle Szenerie gesetzt, soll es doch den Zuschauern die gereifte Erkenntnis vermitteln: da müssen wir unbedingt mal hin!
 
Vier lange Monate musste ich auf Antwort eines bekannten Senders warten. Zaghafte Nachfragen: ... könnten Sie sich damit anfreunden? Zeichnet sich schon was ab? Möchten Sie mehr lesen?
Kurze Antwort: wir sind noch dran. Mmmh, klingt nicht mal schlecht. Vier Monate diskutieren diese netten Leute schon darüber? Muss ich gut sein...
 
Zumindest reichte mein Entwurf um den Sender zur Rücksendung zu animieren. Auch einen netten Brief hatte die Lektorin mir geschrieben: ...durchaus nachvollziehbar, lebendig und gekonnt erzählt. Doch hatten wir den Eindruck, dass es dem Projekt an Originalität mangelt. Wir befürchten, dass es der Geschichte insofern nicht gelingen wird, das Interesse der Zuschauer zu wecken.
 
Autsch!!! Natürlich schmerzte solch eine Antwort meine Seele. Mein Ego war geknickt und auch das vorzügliche Alt einer besonderen Düsseldorfer Brauerei schmeckte an jenem Tag nicht mehr so wie früher.
Originell soll es sein? War es das denn nicht schon?
Wenn Lilian Stengelschreck seit fünfundzwanzig Jahren den Mann fürs Leben sucht, die Geschwister Fürchterlich ihre berüchtigten Kneipenrunden drehen; Sandra mal wieder charmante Äußerungen tätigt:....du und gut aussehend? Jede dritte Mülltonne vielleicht, aber du doch nicht!
Der angetrunkene Kneipengast, der eine Pistole aus der Hosentasche zieht und Gäste anmacht; El Sympatico romantische Liebesgedichte an Nicole schickt, deren Freund darf darauf hin nicht mehr ...; Kirsten auf ihre große Liebe Monika trifft; Thomas einen schwul-lesbischen Tanzklub auf die Beine stellt, der auch toleranten Heteros nicht verwehrt wird und last, but not least: Rafaela und ihre Leidenschaft für SM, viele Männer versuchten vergeblich noch schnell die Flucht. Vielleicht auch die Rock- und Countrysängerin Heidi (Künstlername: High-Dee); oder die reizende und hübsche Anne, die eigentlich Doerte heißt, darf aber nur ihr Chef zu ihr sagen. Wir vermuten, ein verruchtes Geheimnis umgibt diese Frau. Was mag es sein? Ganz zu schweigen von Charlotte und Ele, Legionen von Männern liegen ihnen zu Füssen. Was fangen die damit an? Pst, manche Dinge müssen einfach geheim bleiben.
 
Finden Sie das tatsächlich nicht originell?  
 
Also gut!        Hier kommt die wirklich ultimativoriginelle Altstadt-Serie:
 
Braumeister Hermes bekommt beim Liebesakt mit seinem Bi-Freund Hermann eine Herzattacke. Tochter Tina, in der Identitätskrise sexueller Wünsche verfangen, mal Männer, mal Frauen vernascht, obendrein leicht nekrophil veranlagt ist, springt ein. Ihre progressive Reklameaktion beschert ihr Ärger mit dem Juniorchef eines Konkurrenzunternehmens. Sie erpresst ihn mit seiner geouteten Neigung zum Transvestiten. Das erbost den Bürgermeister der Stadt, weil dieser ein Verhältnis mit besagtem Sohn hat, seine Tochter hingegen nymphoman ist, im Stadtpark Männer überfällt. Die seit langem gesuchte Terroristengang FBF (Freie Bier Fraktion - tritt für Fremdbiersorten in Düsseldorf ein) verteilt kostenlos Kölner Bier an die Bürger, was eine Massenhysterie verursacht und die Uniklinik ist überfüllt. Der Polizeichef der Stadt, heimlicher Hauptaktionär von Hermes, ruft den Notstand aus. Da hat er aber nicht mit der Entschlossenheit der FBF gerechnet. Die entführen seine Nichte und machen sie Kölschabhängig. Nach einem Befreiungsschlag durch die GSG-9 gestaltet sich die Entziehungskur als problematisch, weil das Kölsch die Gehirnzellen angegriffen hat und die Nichte sich als Erbauerin einer kleinen Kölner Dorfkirche (genannt: DOM) fühlt, Düsseldorfer Kultur vollkommen entsagt. Man muss sie in eine Nervenheilanstalt einweisen, wo sie eine schöne weiße Gummizelle bekommt. Auch der ihr zu Hilfe eilende Wunderheiler, Cousin Anton, der extra aus Tirol einreiste, vermag nicht zu helfen. Tragisch!
Selbstverständlich vergessen wir nicht Swen und Günni aus dem Rocklokal. Geben sich immer als Brüder aus und das sind vielleicht zwei Brüder.....
Francis, Bardame aus dem FEMME FATAL, heiratet einen Gast und geht aus Enttäuschung über dessen beginnendes Desinteresse in ein Kloster, wo sie fortan den sozial schwachen Mitbürgern aus der Not hilft, weil das Sozialamt aus Kostenersparnis keine Bordellbezugsscheine mehr ausgibt.
Rechtsanwalt Peter streitet mit Freundin Lilo um die letzte Flasche Killepitsch. Lilo schreit ihn an: lass das Zeug, du hast noch eheliche Verpflichtungen zu erfüllen, sonst kannst du nachher wieder nicht. Peter kontert erbost:deshalb will ich das Zeug doch.... Wir ahnen, zwischenmenschliche Probleme, die sich äußerst emotional offenbaren. Nicht nur im Wein scheint Wahrheit zu liegen.....
Diese dramatischen Momente im Leben der Düsseldorfer Altstadt sind sicherlich jedem Szenekenner nachvollziehbar geschildert. Denkt man sich dazu einen von Glassplittern gekachelten Burgplatz, vom Taubenkot entstellten Jan Wellem und an Kirchengemäuer pinkelnde Altstadtbesucher, so wird dem Betrachter die Seele weit. Ein wahrhaft schönes Heimatepos.
 
 
Liebe und wirklich geschätzte Lektorin, ist es nun originell genug?
 
 
 
Vertrag und Scheck bitte an die Ihnen bekannte Anschrift.
 
 
 
 
 
 
 Dieser Brief, gedacht als witzig-ironische Reaktion auf eine etwas eigentümlich begründete Lektorierung eines privaten TV-Senders, wurde als Filmstoff behandelt und erneut lektoriert, dann mit einem Textbaustein versehen (... in der Redaktion diskutiert, blablabla ...) und abgelehnt.
Offensichtlich werden dort die Lektoren dermaßen zugetextet, dass keine Zeit mehr bleibt um richtig zu lesen. Traurig, traurig, traurig, traurig.........
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