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Der freiheitlich - demokratische Ernstfall
Ein Flugzeug soll abgeschossen werden
 
 
Folgendes Szenario: Flug PP507 befindet sich mit 168 Passagieren an Bord auf dem Flug von Linz nach Hamburg, als der Pilot das geheime Entführungssignal sendet.
Ein demokratisch orientiertes Krisenmanagement, bestehend aus mehreren Ministern, Kanzleramtsberatern unter der Führung des Verteidigungsministers, nimmt sofort seine Arbeit auf.
Eine telefonische Standverbindung mit drei über das Land verteilten Militärflughäfen wird geschaltet.
 
-.-
 
Verteidigungsminister: Meine Herren, der Ernstfall ist eingetreten! Ich erwarte sachliche Entscheidungen unter Würdigung der Umstände. Bitte jetzt keine moralischen Schwachpunkte aufkommen lassen, es gilt die Freiheit zu verteidigen, unsere Demokratie wurde auf das brutalste angegriffen!
 
Alle (durcheinander murmelnd): Ach du Scheiße…, sind da auch keine Verwandten von mir drauf? …Also wenn Herr XXX da jetzt drin ist, wäre ich ja sein Nachfolger…, auch eine Problemlösung.
 
Verteidigungsminister: Frau Schulze zu Meyering, geben sie mir mal den Oberbefehlshaber der Abfangjäger ans Telefon.
Hallo Herr General, ich nehme an sie wissen was ihre treue Pflichterfüllung ist? Ich erwarte ihre volle Loyalität, schicken sie die Jäger los!
Was..? Wie viele? Sind sie hier der Kommandeur oder ich? Ach so, sie sind für den Abfang militärischer Bedrohungen ausgelegt, bei Zivilmaschinen kennen sie den Gefährdungsfaktor noch nicht?
Frau Schulze zu Meyering, schreiben sie auf, Bundeswehr soll Kurse zur Eliminierung gefährlicher Zivilprojekte erhalten.
Also Herr General, dann schicken sie eben die ganze Flotte hoch! Erwarten sie weitere Instruktionen wenn das Zielgebiet erreicht ist (hängt ein).
 
Kanzleramtsberater: Herr Minister, wenn ich in dieser prekären Situation einen Vorschlag unterbreiten dürfte?
Die Maschine ist doch noch kurz vor unserer Staatsgrenze, wenn wir nun den Eintritt in den deutschen Luftraum verbieten würden, müssen die Österreicher sich drum kümmern.
 
Verteidigungsminister: Das ist die Lösung, wir haben ja bald wieder Wahl, wie mir eben so einfällt.
Die Abfangjäger sollen an der Grenze Patrouille fliegen und die Maschine zur Umkehr zwingen.
 
Frau Schulze zu Meyering: Herr Minister, ich habe den General am Telefon. Der Pilot sagt der Terrorist besteht auf dem Weiterflug nach Deutschland, droht mit Veröffentlichung ausländerfeindlichen Verhaltens durch uns, wenn er nicht nach Deutschland darf, und will ihnen seine Forderung per Funk persönlich zukommen lassen.
 
Verteidigungsminister: Stellen sie schon durch…
 
Entführer: Ich grüßen Freunde deutsches. Ich gehört Asyl geben viel Geld und besser Arbeit als Deutsche. Ich sofort wollen Wohnung mit Gästezimmer für meine fünf Frau. Wenn nicht tun, dann bumm bumm.
 
Verteidigungsminister: Hat man dafür Worte, der droht eiskalt mit der Ermordung unschuldiger Menschen. Ich werde unverzüglich den Abschuss frei geben.
 
Frau Schulze zu Meyering: Es kam eben ein Anruf vom österreichischem Bundeskanzler. Der Entführer ist bekannt und sehr gewaltbereit. Erst letzte Woche soll er einem Restaurantbesitzer eine Ohrfeige verpasst haben, weil ihm die Powideldatschkrl nicht schmeckten. Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein.
 
Kanzleramtsberater: Wenn ich noch einmal etwas vorschlagen darf? Wir sollten einen Ausschuss bilden und darüber beraten. Vielleicht einen Gesetzentwurf vorbereiten? Der könnte schon im nächsten Jahr realisiert werden, weil´s ja eilt.
 
Verteidigungsminister: Abschuss, sofort. Hallo Herr General, wo befindet sich die Maschine jetzt? Über Augsburg? Neiiiin, jetzt nicht abschießen, dort bin ich im Finanzvorstand der Augsburger Maschinenfabrik, wollen sie mich zum Sozialhilfeempfänger machen? Wer kann schon von einem spärlichen Ministergehalt leben?
Was wollen sie? Die Maschine abdrängen und über dem bayerischen Wald abschießen? Sind sie verrückt geworden? Das ist ein Naturschutzgebiet!
 
Kanzleramtsberater: Wir sollten warten bis die über dem Ruhrgebiet sind.
 
Verteidigungsminister: Wieso? Das ist doch ein Ballungsgebiet…
 
Kanzleramtsberater: Eben drum! Dort sind die meisten Anhänger der Koalition wohnhaft….
 
Verteidigungsminister: Aaaaach so, ich beginne zu verstehen….
Herr General, geleiten sie die Maschine zum Ruhrgebiet.
Was heißt hier geht nicht? Die Flugsicherung spricht von Überfüllung des Luftraums? Was wäre denn ihr Vorschlag? Nach Brandenburg, über die Seenplatten und dann ab dafür? Als das verbiete ICH ihnen. Mein neues Jagdhaus war schon teuer genug, das bezahlt mir später keine Versicherung.
Mannheim? Wie soll ich das den Kollegen vom Aufsichtsrat der BASF erklären? Lüneburger Heide? Also so schon mal überhaupt nicht. Wenn die Kiste nun vielleicht erst über dem VW-Werk abstürzt, weil der Pilot schlecht zielte? Meine Aktienpakete….
 
Frau Schulze zu Meyering: Der Regionalflughafen Lübeck bietet sich an, dort könnte sich GSG-9 der Sache annehmen.
 
Verteidigungsminister: Herr General, die Maschine wird nach Lübeck eskortiert und darf dort landen. Danach ist ihr Verteidigungsauftrag erledigt. Sagen sie dem Entführer, er bekommt dort eine schöne Wohnung, Lübecker Marzipan so viel er will und natürlich sein Begrüßungsgeld plus Eingliederungshilfe und bevorzugtem Arbeitsplatz.
Wie bitte??? Der will nicht nach Lübeck? Der mag kein Marzipan?
Dann soll er sich in einer Stunde wieder melden, jetzt haben wir Mittagspause. Ein deutscher Beamter hält seine Zeiten ein. Ende!
 
Aus dem Pressebericht:
Tragisches Unglück über der Ostsee. Der Flug PP507 wurde heute zum nassen Grab für 168 Passagiere. Im Landeanflug auf Lübeck stürzte die Maschine wegen Treibstoffmangels ab. Die Ursache ist derzeit unklar. Den Vernehmen nach soll der Pilot, dessen Ziel eigentlich Hamburg war, einen größeren Umweg quer über unser Land gemacht haben und die dafür notwendige Treibstoffmenge nicht richtig berechnet zu haben.
Die Bundeskanzlerin und der Verkehrsminister waren sich darin einig, noch schärfere Vorgaben für Piloten einzuführen. Ab sofort muss für drei weitere Stunden Reservekraftstoff an Bord sein. „Die Sicherheit unserer Flugreisenden hat höchste Priorität in Deutschland“, so ein Sprecher des Verkehrsministeriums.